Tag 11-16: Der Weg nach Hause

Bevor ich mich entschieden habe, den Sommer damit zu verbringen, durch die Alpen zu wandern, wusste ich das ich einen gewissen Abschnitt nach Hause wandern möchte, anstatt von einem Flughafen abgeholt werden zu müssen. Ich bin bis jetzt knapp 300 km gewandert, habe tolle Bekanntschaften und Eindrücke über einen Teil der Alpen bekommen, den ich vermutlich nie besucht hätte. Die letzten Tage habe ich mich bereits mehr damit beschäftigt, dass ich nun demnächst bald zu Hause sein werde.

Die erste Nacht in einem Bett und Haus war angenehm und ich konnte mich um einige Dinge kümmern wie zum Arzt gehen, Proviant kaufen, mehr Essen und Abends einen Film schauen. Das Frühstück von der Gastgeberin war ausgiebig und ich fühlte das meine Energiereserven wieder voll aufgeladen sind. Ich habe mich auch entschieden eine von Höhenmetern niedrigere Route zu gehen und war auch darauf vorbereitet, dass es Nachmittags einige Sommergewitter geben wird. Aber erstmal musste ich zum Startpunkt und habe es ziemlich schnell per Anhalter und zu Fuß vorangebracht. Die letzte Dame, die mich aufgesammelt hat, lud mich auf Ihre kleine Hütte ein, wo Sie mit Ihren beiden Hunden, ein paar Hühnern und Ziegen lebt. Ich freute mich über das Angebot und sagte zu. Wir sprachen viel über die Region, wie Sie die Hütte vor einigen Jahren gekauft hat, im Winter den Schnee vom Dach schieben muss, Ihren Kindern und wie sehr sie es liebt das Akkordeon zu spielen, aber es nicht mehr so beliebt ist. Ich bat um eine kleine Vorführung und ich habe richtig Ihre Freude und Glückseligkeit gesehen, als sie mir ein Stück vorspielte.
Die ersten Gewitter kamen bereits über die Berge und ich konnte bei Ihr bleiben, bis diese vorbeigezogen sind. Sie bot mir auch an zu übernachten, aber ich wollte heute, zumindest zu Fuß, ein paar Kilometer schaffen. Am Nachmittag klarte es wieder auf und ich verabschiedete und bedankte mich für diese schöne Zeit und Erinnerung. Ich ging für 3–4 Stunden aus dem Tal den Berg hinauf und entschied neben einer verlassenen Hütte mein Zelt aufzuschlagen und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.

IMG_6452

IMG_6466 (1)

Es steht ein langer Tag bevor, aber ich ließ mir etwas Zeit morgens, damit auch mein Zelt weitgehend trocknen kann. Die Feuchtigkeit setzt außen und innerhalb auf das Zelt, ein Nachteil von einem Ein-Wand-Zelt, wenn es nicht immer den idealen Zeltplatz gibt. Nach den ersten Sonnenstrahlen packe ich alles ein und setzte meinen Weg Richtung Gipfel weiter an. Nachdem es mir schon warm wird, komm ich an einen halb-zugefrorenen See und scheue mich nicht davor reinzugehen und mich abzukühlen. Endlich, der Gipfel ist eine Stunde später erreicht, die Seekoppe auf 2150m. Einige kleine Flecken Schnee sind noch, da aber soweit war es leicht diese zu umgehen. Weiter den Grat entlang geht es auf den minimal höheren Hochrettelstein und danach hinab in ein kleines Skigebiet Planner.
Nach Apfelstrudel und Café geht es weiter den Grat entlang, bis der lange Abstieg nach Donnersbachwald folgt. Über die Stunden haben sich bereits neue Quellwolken gebildet und schnell formen sich erste Regen und Gewitterwolken. Ich beeile mich das ich vom Berg runterkomme und gleich fing auch der Platzregen an. Ich gehe die Straße runter und es stört mich nicht wirklich, da bleiben zwei SUVs neben mir stehen und öffnen mir die Tür was ich dankend annehme und einsteige. Nachdem Sie erfahren haben was ich vorhabe und ich erwähnt habe das ich gestern bereits gute Erfahrung per Anhalter gemacht habe meinte Sie, Sie haben auch von einem jungen Mann gehört, der per Anhalter die Alpen überquert hat 😀 wir hatten viel Spaß und Sie fuhren mich zum nächsten Gasthaus, wo ich warte bis der Regen vorbeizieht.
Gleich geht es wie so oft wieder aufwärts und die Sonne kommt raus. Ich habe ein gutes Gefühl, denke es bleibt schön und genieße die Sonne auf der nächsten Hütte bei einem Stück Kuchen. Als ich wieder aufbreche und weiter aufsteige, ziehen wieder Wolken über den bevorstehenden Pass auf und ich entscheide mich mein Zelt aufzubauen, anstatt die nächsten 3 Stunden über den Pass und Grat zu wandern. Eine Weise Entscheidung, denn als ich im Zelt liege, fing es gleich zum regnen und donnern an.

Es war erst früher Abend und ich war hin- und hergerissen weiter zu wandern. Aber wenn der nächste Abschnitt über 2000m verläuft, dunkle Wolken reinziehen und keine Hütte in der Nähe, ist es Weiser sich zurückzunehmen. Ernest Shackleton, ein britischer Seefahrer und Abenteurer, sah bei den lebensbedrohlichen Gefahren die Antarktis zu durchqueren ein, dass es besser ist ein lebender Esel als ein toter Löwe zu sein. Es war jetzt vermutliche keine lebensbedrohliche Situation oben auf dem Berg, aber in der Natur entstehen diese durch das Zusammenfallen vieler kleiner Probleme. Dies gilt es zu vermeiden, entweder durch Vorbereitung, Ausrüstung und mehr, schlussendlich gilt es sein eigenes Ego zu kennen und unbefangen Entscheidungen zu treffen. Es gilt einen gesundes Mittelmaß zu finden, zwischen Risiken einzugehen, bei denen der eigene Horizont und [comfort zone] erweitert wird aber immer mit Wissen, die Kontrolle über sein tun zu haben. Dies ist bei jedem anders, quasi hat jeder seinen eigenen Mount Everest und es ist wichtig sich diesen auch zu stellen.

Mit der Gewissheit die richtige Entscheidung gefällt zu haben kam direkt ein Dämpfer und mentale Ernüchterung. Mein Zelt, welches eine wasserdichte Schicht hat und ein eingenähtes Innennetz hat, stand sicher im Sturm jedoch vergaß bzw. ignorierte ich auch die Nähte zu versiegeln. Dies hat die Folge, dass bei heftigem Regen sich die Fäden mit Wasser aufsaugen und gewissen Stellen anfingen im Zelt Tropfen zu bilden. Sofort war ich mir meiner Dummheit bewusst und begann statt mich erst zu ärgern Lösungen zu finden, das Problem zu minieren. Ich spannte eine Schnur im Zelt über die Stellen, wo es tropft und hängte meine Halstücher hin, sodass diese das Wasser abfangen. Es tropfte nur wenig und sie würden über die Nacht das Wasser behalten. Jedoch war danach der Ärger über mich selbst so präsent, dass ich ziemlich genervt war und irgendwann einschlief.

 

This slideshow requires JavaScript.

Am nächsten Morgen war ich froh, dass es Nachts aufhörte zu regnen und mein Schlafsack auch trocken blieb (ich legte meine Regenjacke über potenzielle Tropstellen). Ich hackte die Sache ab und tat was mir nicht anderes übrig blieb, weiter wandern. Es ging morgens für mehrere Stunden den Grat entlang, wo ich auch froh war nicht gestern im Gewitter gewesen zu sein. Ich erreichte das Gumpeneck auf 2224m und machte neben der Ziegenscheiße meine Frühstückspause ;). Es fingen wieder an sich Regenwolken zu bilden und aufgrund dem Vopaux mit meinem Zelt, entschied ich mich gegen weiter über die Gipfel zu meinem Ziel zu wandern. Am selben Tag wollte ich bis zum Hauser Kaibling kommen, wo ich Verena, eine Freundin, die ich vor drei Jahren in Australien kennengelernt hatte, besuchen wollte. Sie fand über meine Geschichten auf Instagram heraus, das ich in der Gegend wandere und lud mich zu sich und dem Schäfer Franz, den sie für ein paar Wochen assistiert, ein zu übernachten. Trotz meiner Abneigung ständig mein Tun zu teilen, freut es mich auf diese Weise mit Menschen in Kontakt zu bleiben und wiederzukommen.

Ich folgte der Straße ins Enstal, da der nächste Abschnitt noch höher verlief wie bisher und noch viel Schnee lag. Des Weiteren war ich in meinem Zelt nicht mehr 100% vor Nässe sicher. Der Radweg im Tal war ein krasser Gegensatz zu den bisherigen Wegen und ich verfolgte, wie sich wieder Gewitterwolken in den Bergen bildeten aber bei mir blieb es weitgehend trocken. Ich legte 20km in 3,5h zurück, was in den Bergen unmöglich wäre und stieg am Hauser Kaibling wieder hinauf um zur Hütte zu kommen.
Ich wurde mit offenen Armen und Herzen begrüßt und entschied den nächsten Tag als Ruhetag Vorort zu bleiben. Es war sehr schön an einem Ort zu bleiben, zu lesen und sich mit den beiden zu Unterhalten und über das Projekt am Berg zu erfahren. Franz kümmert sich über mehrere Jahre um mehr als 800 Schafe, die über den Sommer die Skihänge viel Gras futtern und die Fläche festigen. Dies bietet für den Winter einen optimalen Untergrund für die Pisten und zudem nimmt der Boden mehr Wasser auf, was bei heftigem Regen Schlammlawinen verhindert.

 

Am ersten Tag half ich am Vormittag mit, die Zäune für das Gebiet zu setzen und prüfen. Den Nachmittag nahm ich für mich Zeit, über die vergangenen Tage nachzudenken, schreiben und ebenfalls zu lesen. Abends waren Freunde von Verena zu Besuch und bei Abendessen und ein paar Runden Schnaps hatten wir einen sehr gemeinschaftlichen und lustigen Abend. Nach den vielen Nächten alleine eine sehr nette Abwechslung. Am nächsten Morgen ließ ich mir viel Zeit, sprach weiterhin viel mit Franz über seine frühere Zeit, als Schäfer wie er sein Leben führte. Ich merke auch, wie sehr er sich über jemanden zum Unterhalten freute und entschied später einen weiteren Tag zu bleiben. Mittags kamen nochmals Freunde von Verena mit Ihren vier Kindern zum Essen. Ich genoss das Beisammensein und es kam Ihnen auch so vor, als wären wir bereits lange befreundet. Den Nachmittag motivierte ich mich auf den Gipfel zu wandern und atmete die gesamte Umgebung ein. Wolken, Wind, vereinzelter Sonnenschein, Weitblick über die Berge und durch das Tal, grüne Wiesen, verschneite Hänge und steinige Gipfel. Die pure Kraft aber auch Harmonie, Stille und Tiefe der Natur. In einem Moment, der als ewig erschien, aber jede Sekunde verstrich unaufhaltsam.
Abends kam ich zur Hütte zurück und wir ließen Ihn bei Brotzeit und netten Gesprächen langsam ausklingen.

IMG_6519.jpg

Ein neuer Tag bricht an und nach einem letzten Frühstück auf der Bierbank vor der Hütte mit Blick über die Berge verabschiedeten wir uns. Mit einem sehr glücklichen Gefühl wie ich die letzten Tage verbracht habe ging ich los Richtung Heimat. Es ist Montag und am Tag zuvor habe ich mit meinen Eltern telefoniert, dass wir uns Donnerstag am Königssee treffen. Die bisherigen zwei Wochen gaben mir so viel mehr als ich mir je hätte Vorstellen können. Ich fühlte mich mehr als bereit nach Hause zu kommen, Zeit mit meiner Familie zu verbringen und bei den letzten Vorbereitungen von der Hochzeit meiner Schwester zu helfen. Die nächsten Tage versprach sprichwörtlich kaiserliches Wetter ohne Regen, sodass das Zelten auch keine Probleme darstellten. Ich ging das Panorama Route mit Blick auf das Dachsteingebirge entlang und genoss die Aussicht wie auch die Bewegung.
Ich dachte viel über die vergangenen Tage nach, die Menschen denen ich begegnete, wie sie mich berührten und ich Sie, sie mich bereichert haben und ich sie und die Erfahrungen die ich machte. Und ich dachte an den ursprünglichen Grund, das ich nach Hause wandern möchte, um eine gewisse Vorbereitungszeit zu haben und dieses Gefühl der Vorfreunde richtig wahrzunehmen. Zwei Jahre zuvor, als ich nach meinem Jahr weg von zu Hause heimkam, war ich noch hin- und hergerissen zwischen der Freude aber auch einer gewissen Überforderung. Überfordert herausgerissen zu werden von einem freien bewegen, ständigen Inspiration durch neue Bekanntschaften, Erfahrungen und Begegnungen mit sich selbst. Ich fühlte mich soweit nach Hause zu kommen.

 


Diese Gewissheit war wunderschön, ich strahlte über das ganze Gesicht und fragte mich: Warum nicht gleich?. Es steht für mich bereits fest, dass ich am 17.7 wieder zurück in die Berge fahre, um meinen Weg über die Alpen fortzusetzen. Wieder Zeit für mich und meiner Entwicklung zu widmen und das Ziel, wirklich bereit zu sein heimzukommen habe ich erreicht. Ich realisierte, dass ich die verfügbare Zeit bis dahin nicht mehr für mich brauche, sondern anderen geben möchte. Meiner Familie und Freunde.

Kurzerhand entschloss ich ins Tal abzusteigen und per Anhalter oder mit den öffentlichen nach Hause zu fahren und meine Eltern zu überraschen. Die drei Tage brauche ich nicht mehr für mich, sondern möchte ich Ihnen zu schenken. An der Haltestelle kam direkt ein Bus (der alle 2 Stunden fährt) und ich fuhr bis zum nächsten Bahnhof. Von dort ging es direkt von Österreich nach Deutschland, aber weiter wollte ich nicht mehr per Bahn. Ich wollte sehen, wie es per Anhalter in Deutschland klappt, Menschen begegnen und doch noch etwas Geld sparen. Es dauert nicht lang und der erste blieb stehen. Drei weitere Fahrten kam ich nach zwei Stunden an meinen Heimort an.

Jede Fahrt war wie so oft eine tolle Begegnung. Dabei gab es, aber eine die für mich so berührend war. Sie nahm mich für 10 Minuten bis zur nächsten Stadt, wo es eine Abschiedsfeier mit Freunden gibt, da Sie mit Ihrem Mann zu den Kindern und Enkelkindern zieht. Sie war sofort sehr von meiner Reise aber besonders meinem Grund begeistert, dass ich meinem Gefühl und Intuition folge, dass zu tun was ich für mich als Fortschritt für mein zukünftiges Leben sehe und damit auch den Platz in der Gesellschaft und Welt finde, in dem ich glücklich bin. Sie berichtete, dass sie in Ihrem letzten Beruf sehr ausgebeutet wurde, es nur um Arbeit und nicht dem Menschen ging und krank wurde. Mit dem, was ich tue, tat ich dabei nicht nur mir einen gefallen, sondern Sie fühlte sich so erfreut und inspiriert bei dem, was ich tue und sagte, dass es Schicksal war, das ich da stand und sie vorbeifuhr. Ich konnte Ihr Freunde bereiten und diese Freunde in Ihr, gibt mir zugleich den Mut und die Gewissheit, auf dem richtigen Weg tu sein.

Die letzten Schritte nach Hause dachte ich über die Begegnung nach und freute mich auf die Überraschung für meine Eltern. Ich klingelte an der Tür, stellte meinen Rucksack neben dem Eingang und versteckte mich. Mein Vater öffnet die Tür, wundert sich, dass mein Rucksack neben der Tür steht und ich komme hervor. Ein Bild würde sicherlich seine Freunde besser beschreiben 🙂
Eine kleine Überraschung gab es ebenso für mich, den meine Mutter war in München und kommt mit meinem großen Bruder nach Hause, der ohne meines Wissens am Donnerstag mit dabei wäre (tja, habe ich Sie wohl ausgetrickst). Ich baute mein Zelt im Garten auf und zeigte es meinem Vater, duschte und wusch meine Sachen. Ich war im 1. Stock als mein Bruder und Mutter in das Haus kommen und sich wundern, warum mein Zelt im Garten steht. Meine Mutter sagte noch bevor ich die Treppe herunterkomme Nein, Sebastian kommt doch am Donnerstag. Als wir uns Gute Nacht sagten, meinte Sie, sie sei immer noch so glücklich und überrascht als Sie mich sah. Ich meinte nur das sie mich doch schon lange genug kannten, das ich Dinge nach meiner Art mache (Natürlich dann, wenn ich anderen eine Freude bereiten kann : )

Klicke hier um zum nächsten Bericht zu kommen.

1 thought on “Tag 11-16: Der Weg nach Hause”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s